🇩🇪 German · A2–B1 · Chapter 1 of 18

Kapitel 1: Der Reiter auf dem Deich

The Rider on the White Horse — tap any word for its meaning, or tap a sentence to see it in English.

Kapitel 1: Der Reiter auf dem Deich

Es ist ein Nachmittag im Oktober. Ich reite allein auf einem Deich an der Nordsee. Links liegt das flache Land, leer und grau. Rechts liegt das Meer, viel zu nah.

Seit drei Tagen weht ein starker Sturm. Die Wellen schlagen wild gegen den Deich. Oft spritzt mir das kalte Wasser ins Gesicht. Meine Hände sind steif vor Kälte, und ich sehe kaum etwas.

Über mir schreien die Möwen. Der halbe Mond steht hinter schwarzen Wolken. Es wird dunkel, und kein Mensch ist unterwegs.

Plötzlich sehe ich eine dunkle Gestalt auf dem Deich. Es ist ein Reiter auf einem großen, mageren Schimmel. Ein dunkler Mantel fliegt um seine Schultern.

Der Reiter fliegt an mir vorbei. Ich sehe ein bleiches Gesicht und zwei brennende Augen. Aber ich höre nichts, keinen Hufschlag und keinen Atem. Wer ist das?

Kurz danach fliegt er noch einmal an mir vorbei. Dann reitet er den Deich hinunter, zum Land hin. Von dem Reiter sehe ich nichts mehr.

Aber ich sehe Lichter, und bald stehe ich vor einem Wirtshaus. Drinnen sitzen viele Männer an einem langen Tisch. „Wir halten heute Nacht Wache“, sagt der Deichgraf.

Ich erzähle ihm von dem Reiter auf dem Schimmel. Da wird es ganz still am Tisch. „Der Schimmelreiter!“, ruft ein Mann, und alle sehen sich an.

Der Deichgraf zeigt auf einen kleinen alten Mann hinter dem Ofen. „Unser Schulmeister kennt die Geschichte“, sagt er. „Er kann sie Ihnen erzählen.“

Der alte Mann setzt sich neben mich und sieht mich lange an. „Sie haben ihn also gesehen“, sagt er leise. „Die Geschichte beginnt vor fast hundert Jahren, hier an diesem Deich.“

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